Zeitschrift EE

nt 02 | 2025 Im Kreis gedacht - Wege zur zirkulären Wirtschaft

Kreisläufe in der Bauwirtschaft: Von der Idee zur Umsetzung

Andrea Kessler, Peter Kneidinger

Die Baubranche ist laut Global Status Report for Buildings and Construction (UNEP 2022)1 für ca. 40 Prozent der weltweiten CO₂ Emissionen verantwortlich. Durch das linear gestaltete Wirtschaftssystem werden wertvolle Baustoffe zum Ende ihres Lebenszyklus trotz des hohen stofflichen Werts entsorgt, anstatt diese im Kreislauf zu halten. Wiederverwendung und Rückbaubarkeit von Bauteilen tragen wesentlich zur Einsparung von Emissionen bei. Aktuell werden aus verschiedenen Gründen, wie Kosten, Fachexpertise, Gewährleistung, Prüfbarkeit, zu geringe Wertschätzung, Bauteile nur wenig oder nicht wieder eingesetzt.

German Design Award für Weitzer ReParkett. Quelle: materialnomaden gmbh

LenA Circular House - Kreislauffähige Erweiterung von Einfamilienhäusern

Das Team der materialnomaden gmbh trägt seit mehreren Jahren Expertise zu Kreislaufwirtschaft durch Projekte unterschiedlicher Größenordnungen an die Baubranche heran. Ende 2021 wurde das Unternehmen „circular house gmbh“ gegründet. Es fungiert als Projektentwicklerin und Bauherrin für das umzusetzende Projekt LenA Circular House. Anhand einer Bestanderweiterung in einer oberösterreichischen Einfamilienhaus-Siedlung aus den 1950er Jahren wird prototypisch gezeigt, dass hohe Gebäudequalität, niedriger Ressourcenverbrauch und geringste Emissionen durch die Prinzipien des kreislauffähigen Bauens sowohl bei Sanierung als auch im Neubau gelingen können. Im Projekt wird ein Bestandsgebäude saniert und aufgestockt sowie ein Zubau errichtet, sodass zwei weitere eigenständige Einheiten entstehen und die Gebäude am Grundstück insgesamt 360 m² Nutzfläche bieten.

LenA Circular House: Kreislauffähige Innenentwicklung und Bestandserweiterung in einer Siedlung aus den 1950ger Jahren in Oberösterreich. Rendering: VIRworks

Wiederverwendung führt in Richtung Klimaneutralität

Neben der baulichen Umsetzung ist die Erforschung und die Demonstration der positiven Klimawirkung durch Wiederverwendung („ReUse“) ein Aspekt, um die neuen Prozesse standardisierbar zu beschreiben und die Hauptprinzipien in die derzeit gültigen Leistungsphasen in der Planung und Ausführung zu übertragen. Durch den Fokus auf (Wieder-) Einsatz und effizienten Materialeinsatz lassen sich große Anteile der Emissionen vermeiden, was zur angestrebten Klimaneutralität beiträgt. Eine Möglichkeit, um die positive Wirkung darzustellen und in die Breite zu bringen, sind Vergleiche zwischen „neu“ und „ReUse“. Die Gegenüberstellung erfolgt in Tragwerks-, bauphysikalischen und Lebenszyklusanalysen (LCA). Anhand einer ökologischen Vergleichs-Bewertung einer LCA wird aufgezeigt, in welchem Ausmaß ein ReUse-Gebäude gegenüber einem konventionellen Neubau positive Auswirkungen für Mensch und Umwelt hat. Ebenso ist der Vergleich bzw. die Analyse von aufgewendeten Zeiten und Baukosten relevant für das Vorhaben, um die Stellschrauben für zukünftige Projekte zu ergründen.

Dass ReUse im Vergleich zu Recycling ein Vielfaches an Ressourceneinsparung ermöglicht, wird auch anhand einzelner entwickelter ReProducts sichtbar: der neue Dachstuhl aus einer rückgebauten Zwischenebene, der industriell aufbereitete Wiener Stabparkettboden in einem 2. Lebenszyklus mit neuer geölter Oberfläche und die rezertifizierte Brandschutztüre sind drei Beispiele für erfolgreiche Bauteilwiederverwendungen.

Herausfordernd im Projekt LenA ist die Vorfinanzierung zur Ernte der verfügbaren Bauteile. Es fallen früher als im üblichen Projektverlauf Kosten zur Materialbeschaffung an. Hier würden geeignete Finanzierungsmodelle (-> Taxonomie) oder eine Förderung wie der Reparaturbonus Erleicherung bringen.

RosinA - Digitaler Notizblock für ReUse-Bauteile

Für die Dokumentation der Verfügbarkeit von Bauteilen und deren Daten spielen Digitalisierung und Bauteilkatalogisierung eine wesentliche Rolle, damit Informationen zu Verfügbarkeit, Demontagezeiträumen, Mengen sowie Eigenschaften für neue Planungen genutzt werden können.

Mit dem „digitalen Notizblock“ RosinA können ReUse-Datenblätter erstellt werden. Bauteile, Materialien und Produkte, die für eine Weiterverwendung in Frage kommen, werden vor Ort erfasst, um Bild-, Objekt- und Materialeigenschaften ergänzt und in eine Datenbank übertragen. Aus den digital verfügbaren Informationen zu den jeweiligen Potenzialen lassen sich Bauteilkataloge erstellen. Diese dienen als Grundlage für den weiteren „ReDesign“-Prozess. Die Schnittstellen-Offenheit der App RosinA ermöglicht den essenziellen Informationsaustausch durch BIM-Integration für die weiteren Planungsphasen, sowie Anbindung an ERP-Systeme (Logistik und Gewerbe) zur Umsetzung einer Anschlussnutzung.

Innovative Instrumente wie die digitale ReUse-Erfassung müssen in die Abläufe einer herkömmlichen Architekturplanung (Leistungsphasen) beziehungsweise eines Hochbauprojektmanagements integriert werden. Beispielsweise wird in herkömmlichen Planungsprojekten der Rückbau bisher nicht berücksichtigt. In der Kreislauf-Bauwirtschaft hingegen soll in der Rückbau-Phase eine Bauteildatenbank erstellt werden.

Zur Gestaltung der neuen flexiblen und anpassungsfähigen Prozesse werden unvorhergesehene Herausforderungen im Projekt LenA Circular House analysiert und Lösungen aufgezeigt.

Unter anderen ist auch BASEhabitat (Kunstuni Linz)2 am Konsortium beteiligt, um das Bewusstsein und die Wertschätzung für das Vorhandene zu stärken und den Planenden von Morgen mit auf den künftigen Weg zu geben. Ebenso ist das Camillo Sitte Bautechnikum (HTL Wien) involviert. Die Materialprüfanstalt wurde damit betraut, wieder eingesetzte Materialien zu prüfen und zu testen. Deckenelemente werden zum Beispiel auf ihre Belastbarkeit hin geprüft. Alle Resultate werden festgehalten und die Lösungsansätze für kreislauffähiges Bauen in ein Handbuch für „Circular Architecture Design Rules“ eingearbeitet.

Der dänische Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig 2023 greift das Thema Wiederverwendung von Materialien auf und betont die Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren im Bauwesen. Foto: Andrea Kessler

Circular Architecture Design Rules - und internationale Kooperation

Die Prinzipien von ReUse und kreislauffähigen Baumethoden sind auch in größerem Maßstab umsetzbar, wie Projekte in ganz Europa zeigen:

materialnomaden gmbh hat dazu im Jahr 2022 das Projekt circular[x]change gestartet, um den Austausch auf europäischer Ebene im Rahmen von jährlich stattfindenden Netzwerktreffen in den unterschiedlichen Städten der ReUse Pioniere zu stärken. Dabei tauschen sie Erfahrungen aus der Praxis aus, um jeweilige Lösungsansätze zusammenzuführen und gemeinsam die Thematik in die Breite zu bringen. So präsentierte Peter Kneidinger, Gesellschafter und Geschäftsführer der materialnomaden gmbh das Projekt LenA bei der vom Büro Lendager organisierten Konferenz an der Royal Danish Academy. Ähnlich erfrischende, umgesetzte ReUse-Projekte wie von Vorreiter Anders Lendager und seinem Team stellte auch Søren Pihlmann vor, der das Thema heuer im dänischen Pavillon der Architekturbiennale anhand des Projekts „Build of Site“ sehr klar und verständlich veranschaulicht. Auf unkonventionelle Weise wird das Gebäude zerlegt und am Ende der Ausstellung wieder neu gefügt. Der Prozess wird zur Schau gestellt, um darzustellen, dass der Wiedereinsatz von Bauteilen und Baustoffen ein wesentlicher Schritt bei der Transformation im Bauwesen ist, um letzlich CO₂-Neutralität in Errichtung und Betrieb von Gebäuden zu erreichen.

Beispielgebend zur Erzielung eines großen Impacts durch Wiederverwendung ist auch ReParkett. Mit der Firma Weitzer Parkett und dem Wiener ParkettHandwerk konnten die Designer von materialnomaden gmbh einen Prozess im gemeinsamen Zusammenwirken mit Industrie und Gewerk auf den Boden- und damit das erste ReProduct® auf den Markt bringen. Es wurde heuer mit dem German Design Award 2025 ausgezeichnet, und wird künftig mit seinem schlanken Fußabdruck (-56kg CO₂ Equiv pro neu aufbereitetem Quadratmeter) den Weg in eine nachhaltigere Baubranche ebnen.

Literatur

[1] https://www.unep.org/resources/publication/2022-global-status-report-buildings-and-construction

[2] BASEhabitat ist ein Studio der Architekturabteilung an der Kunstuniversität Linz, das im Bereich nachhaltiger und sozial verantwortlicher Architektur forscht und plant. https://www.basehabitat.org/

Autor*innen

Ing. Peter Kneidinger und Mag. Andrea Kessler, Geschäftsführung & Innovationsentwicklung, materialnomaden gmbh, HarvestMAP eGen, bauteiler Gmbh & CO KG, circular house gmbh. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Weiterführende Informationen

materialnomaden gmbh

Projekt LenA

Europäisches Netzwerk

Lendager Architekten

Søren Pihlmann

Weitzer ReParkett

BASEhabitat

Camillo Sitte Versuchsanstalt

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