nt 02 | 2025 Im Kreis gedacht - Wege zur zirkulären Wirtschaft
Betriebliche Anwendungsfelder der Kreislaufwirtschaft in der Produktion
Julia Rubin Ast, Gerlinde Pöchhacker-Tröscher
Der Übergang von einer linearen Wirtschaft zu einer zirkulären Wirtschaft, auch Kreislaufwirtschaft bzw. Circular Economy genannt, spielt auf dem Weg zur Klimaneutralität und als wichtiger Baustein für eine nachhaltige Entwicklung sowie resilienten Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Die Produktion als Schlüsselelement des Wertschöpfungsprozesses stellt daher ein wesentliches Element der Kreislaufwirtschaft dar. In einer Studie für das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) wurde die Thematik anhand einer umfangreichen Good Practice Sammlung beleuchtet.1
Produzierende Unternehmen haben eine Vielzahl von Möglichkeiten, um die Kreislaufwirtschaft in den eigenen Geschäftspraktiken zu integrieren und daraus resultierende Vorteile zu erzielen. Gemäß den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft soll während des Lebenszyklus durch entsprechende Wertschöpfungsprozesse der Wert der Produkte, Komponenten und Materialien höchstmöglich erhalten bleiben. Dies kann bei erfolgreicher Umsetzung einem Unternehmen erhebliche Chancen bieten: Finanzielle Vorteile durch Ressourceneffizienz, Resilienz gegenüber Rohstoffpreisen und Beschaffungsengpässen sowie Imagesteigerung und als Lösungsansatz zur Erreichung der Klimaziele. In der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie1 sind nach Potting et al.2 eine Reihe von Grundsätzen für ein funktionierendes zirkuläres Wirtschaftssystem von zentraler Bedeutung – diese werden auch R-Grundsätze genannt.
Abbildung 1: Grundsätze der Kreislaufwirtschaft. Quelle: BMK1 basierend auf Potting et al.2
Durch die Verwendung der R-Grundsätze lassen sich für die Produktion vier grundlegende zirkuläre Strategien definieren.
Ermöglichung von Kreisläufen
Diese Strategie berücksichtigt die Zirkularität bereits bei der Produkterstellung, nämlich in der Planung, der Entwicklung beziehungsweise dem Design der Produkte und Komponenten (z. B. Verwendung umweltfreundlicher Inputs, Anwendung von Ökodesign). Hier spielen vor allem die Prinzipien Rethink (Neu denken, zirkuläre Produkte designen und intensiver nutzen) sowie Reduce (Reduktion des Verbrauchs natürlicher Ressourcen) eine wesentliche Rolle, wodurch weitere zirkuläre Prinzipien und Strategien ermöglicht werden. Ein sogenanntes Good Practice-Beispiel hierfür ist der größte heimische Produzent für Ziegelmauerwerke und keramische Dachsysteme, Wienerberger. Das Unternehmen berücksichtigt bereits bei der Entwicklung der Produkte bzw. in der Design-Phase die Rückführbarkeit – so wurde eine 90-prozentige Wiederverwendbarkeit bzw. Rezyklierbarkeit der Neuprodukte durch Analysen und entsprechender Festlegung von Designkriterien erreicht. Daraus entstand beispielsweise der Fassadenziegel „ClickBrick“, welcher ohne Mörtel in den Fassadenverbund gebracht wird und daher leicht zurückgebaut und anschließend wiederverwendet werden kann. Zusätzlich werden recycelte Rohstoffe in den Produktionsprozess eingebracht und mit Computersimulationen eine gleichbleibende Qualität und Effizienzsteigerung mit 10 Prozent weniger Materialeinsatz erreicht.
Schaffung neuer Kreisläufe
Dies ist eine weitere Strategie der Produkterstellung und bezieht sich vor allem auf Material- bzw. Produktsubstitutionen von bisher nicht vorhandenen Kreisläufen. Dies kann beispielsweise bei industriellen Synergien Anwendung finden, wo ein Abfall- bzw. Nebenprodukt eines produzierenden Unternehmens von einem anderen Unternehmen als Inputfaktor für dessen Produktion verwendet wird, wodurch Abfall vermieden, Ressourcen eingespart und Kostenvorteile genutzt werden können. Ein österreichisches Beispiel mit Good Practice-Charakter ist hierbei die Kooperation zwischen der Privatbrauerei Stiegl und dem Start-Up easyVEGAN. Es wurde eine innovative Möglichkeit entwickelt, um den Reststoff aus der Bierherstellung als Rohstoff für Fleischalternativen zu verwerten. Hierbei wird der als Nebenprodukt anfallende Biertreber von Stiegl durch easyVEGAN für pflanzenbasierte Treberburger und Treberbällchen in den Lebensmittelkreislauf geführt. Bislang bestand die Herausforderung, den Biertreber innerhalb eines kurzen Zeitfensters zu verarbeiten, um ein Verderben zu vermeiden, weshalb die rund 19.000 Tonnen jährlich als Futtermittel in der Landwirtschaft genutzt wurden.
Verlängerung von Kreisläufen
Bezogen auf die Produktnutzung mit Fokus auf den möglichst langen Erhalt des Wertes eines Produkts bzw. von Komponenten, steht diese Strategie in Verbindung zu den Prinzipien der Wiederverwendung (Reuse), Reparatur (Repair) und Wiederaufbereitung (Refurbish und Remanufacture). Produzierende Unternehmen können eine erhöhte Wertschöpfung erzielen, wenn geeignete Geschäftsmodelle etabliert und beispielsweise eigene Produktmodelle wieder zum Hersteller rückgeführt werden, um deren Komponenten in neue Modelle einzuarbeiten. Diese Vorgehensweise sollte in Kombination mit dem Design der Produkte (Kreisläufe ermöglichen) erfolgen. Ein Good Practice-Beispiel ist hierbei der österreichische Büromöbelhersteller Wiesner-Hager. Dieser hat eine Kreislaufstrategie inklusive Designkriterien und Rücknahmesystem für gebrauchte Büromöbel entwickelt, um deren Bestandteile wiederzuverwenden, Materialressourcen einzusparen und den CO₂-Ausstoß zu reduzieren. Die Möbelstücke werden von Wiesner-Hager nach einer gewissen Nutzungsdauer zurückgenommen, in die einzelnen Komponenten zerlegt, wiederverwendbare Teile aufbereitet, für neue Möbelstücke eingesetzt und anschließend als Refurbed-Produkte wiederverkauft. Je nach Produkt können dadurch bis zu 80 Prozent an Materialeinsatz eingespart werden.
Schließung von Kreisläufen
Durch diese Strategie soll die Lücke zwischen dem Ende des Lebenszyklus eines Produktes und dem Inputfaktor Material für seine Herstellung bzw. zur Herstellung anderer Produkte geschlossen werden. Hier finden vor allem die R-Prinzipien der alternativen Weiternutzung (Repurpose) und Recycling sowie für Komponenten die Wiederaufbereitung (Refurbish und Remanufacture) Anwendung. Eines der österreichischen Beispiele mit Good Practice-Charakter ist Strasser Steine, ein Mühlviertler Hersteller von Küchenarbeitsplatten aus Naturstein und Keramik. Dieser hat ein „Re-Stoning System“ entwickelt und bietet sogenannte Re-Stoning-Arbeitsplatten an. Natursteinabschnitte der eigenen Produktion, aus Steinbrüchen und nicht mehr benötigte Steinarbeitsplatten werden farblich sortiert, zerkleinert und gemeinsam mit Feldspat und Harzen aufbereitet und zu einer neuen Küchenplatte mit 50 Prozent Recyclatanteil verarbeitet. Zusätzlich werden die Platten während des Produktionsprozesses mittels Niedertemperatur gepresst, um Energie einzusparen und die Arbeitsplatten können nach der Nutzungsdauer zu 100 Prozent recycelt werden.
Erfolgreiche Strategien für die Kreislaufwirtschaft in der Produktion beruhen maßgeblich darauf, dass die Zirkularität bereits in der Produktentwicklung adressiert wird und die Wertschöpfungsprozesse ganzheitlich betrachtet werden. Vielversprechend sind insbesondere Entwicklungen, die zirkuläres Design, nachhaltige Beschaffung, Prozessoptimierungen und vor allem zirkuläre Geschäftsmodelle kombinieren und somit eine maximale Wertschöpfung für das Unternehmen erzielen.
Kommentar
Forschung, Technologieentwicklung und Innovation (FTI) sind zentrale Treiber für eine kreislauforientierte Wirtschaft - insbesondere in ressourcenintensiven Sektoren wie der Bauwirtschaft und der Kunststoffindustrie. Eine zielgerichtete FTI-Förderung kann die Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Produktivität steigern, die Ressourcenabhängigkeit reduzieren und somit den Wirtschaftsstandort absichern.
Literatur
1 Pöchhacker Innovation Consulting GmbH (2024) im Auftrag des BMK: Betriebliche Anwendungsfelder der Kreislaufwirtschaft in der Produktion. Good Practice Sammlung
2 Potting J, Hekkert M, Worrell E, Hanemaaijer A, 2017. Circular Economy: Measuring innovation in product chains. PBL Netherlands Environmental Assessment Agency, The Hague
3 Ionica K, Kronenberg C, 2024, Mehr-Wert im Kreis, https://www.circulareconomyforum.at/circular-insider-austria/
Weiterführende Informationen
Autor:innen
Julia Rubin Ast, MA, Themenleitung Green Transition & Nachhaltigkeit, Pöchhacker Innovation Consulting GmbH. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Mag. Gerlinde Pöchhacker-Tröscher, Geschäftsführerin, Pöchhacker Innovation Consulting GmbH. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
