nt 01 | 2025 Leben im Klimawandel
Digitalisierungsbooster für die Grüne Branche
Bente Knoll, Fridtjof Diekmann
Grafik: Kräftner Landschaftsarchitektur, 2023
Die Digitalisierung stellt eine der zentralen Herausforderungen und zugleich Chancen unserer Zeit dar, insbesondere im Kontext von Nachhaltigkeit und Klimawandelanpassung. Der europäische Green Deal fordert eine klimaneutrale Wirtschaft und sieht in der Digitalisierung ein Schlüsselinstrument, um Umweltziele effizienter zu erreichen. Building Information Modeling (BIM) ist ein Paradebeispiel für diese Symbiose. Als Arbeitsmethode ermöglicht BIM die digitale Planung, Ausführung und Verwaltung von Bauprojekten über deren gesamten Lebenszyklus hinweg – anhand eines digitalen dreidimensionalen Zwillings des Bauobjektes. Durch die nahtlose Integration aller Gewerke und Disziplinen verbessert BIM die Zusammenarbeit, die Nachverfolgung von Materialien und die Nachhaltigkeitsbewertung von Bauprojekten erheblich.
Während Architektur und Ingenieurwesen bereits stark auf BIM setzen, werden die Potenziale von BIM in der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung bei weitem noch nicht voll ausgeschöpft. Gründe dafür sind unter anderem die vergleichsweise kleinen Planungsbüros, begrenzte Budgets und mangelnde digitale Expertise auch in den eher handwerklich geprägten ausführenden Unternehmen der Begrünungsbranche. In Bezug auf BIM fehlen einheitliche Standards, Schnittstellen und Know-how. Genau hier setzen die Forschungsprojekte Green BIM und Green BIM 2 an, um die Digitalisierung der Grünen Branche durch die Entwicklung und Erprobung innovativer Standards und digitaler Werkzeuge voranzutreiben. Die Projekte werden von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) gefördert, um grüne Bauprojekte von der Bauwerksbegrünung bis zur Landschaftsplanung nachhaltig zu optimieren und die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter zu verbessern. Zukünftig wird das Projekt Green BIM 3 diese Ansätze erweitern und digitale Tools sowie entsprechende Schulungen für die grüne Branche bereitstellen.
Lösungen und Antworten durch Forschungsprojekte
Die Forschungsprojekte Green BIM und Green BIM 2 haben wesentliche Fortschritte bei der Digitalisierung der Grünen Branche erzielt. Beide Projekte haben konkrete Anwendungen von BIM in der Begrünungsplanung getestet und weiterentwickelt. Green BIM (2019-2022) legte den Grundstein für die Integration von Begrünungselementen in BIM. Dazu wurde ein Vorschlag für eine „Green BIM IFC-Datenstruktur“ (IFC ist das international standardisierte Datenaustauschformat) entwickelt, die es ermöglicht, notwendige Eigenschaften, wie Nährstoffbedarf, Wuchsverhalten sowie Boden- und Lichtansprüche von Pflanzen mit dem digitalen Modell zu verknüpfen. Zur weiteren Verbreitung der Projektergebnisse wurde von einigen Projektpartnern der „Verein zur Förderung der Grünen Baukultur“ (https://v-gbk.org/) gegründet.
Green BIM 2 (2023-2025) baut auf diesen Grundlagen auf und testete in Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekt*innen und Landschaftsbau-Unternehmen die Praktikabilität der „Green BIM-IFC Datenstruktur“ in realen Begrünungsprojekten. Aus diesen Erfahrungen heraus wurden die Attributlisten – also diejenigen Informationen, die mit den Green BIM-Objekten digital verknüpft werden können – nochmals überarbeitet und ergänzt. So wird die Datenstruktur um Attribute und Merkmale, die für die Freiraumplanung von Parks oder Stadtquartieren relevant sind, ergänzt. Ein weiterer Meilenstein ist der von AEE INTEC entwickelte und im Rahmen von Green BIM 2 verbesserte BuildingTwin-online-Viewer. Der Viewer ermöglicht es, ein 3D-Modell der Begrünung direkt in jedem Webbrowser anzuzeigen und alle IFC-Planungsdaten der Elemente einzusehen und zu bearbeiten. Außerdem können im Viewer auch Echtzeit-Messdaten direkt mit den entsprechenden Elementen im BIM-Modell verknüpft und grafisch dargestellt werden. Dazu gehört beispielsweise die Integration von Sensoren, die Umweltparameter, wie Luftfeuchtigkeit oder Temperatur, messen. Diese Entwicklungen schaffen neue Möglichkeiten, Begrünungen effizienter zu betreiben und deren positiven Beitrag zur Klimaanpassung zu quantifizieren. Durch die intuitive Bedienbarkeit des Viewers können Nutzer*innen, wie Landschaftsplaner*innen und Facility Manager*innen, effektiver arbeiten und fundierte Entscheidungen treffen.
Von der Forschung zur Praxis
Ein zentraler Erfolgsfaktor der Green-BIM-Forschungsprojekte ist die enge Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen sowie die Ausarbeitung von „Use Cases“. Anhand realer Projekte und Fragestellungen werden die entwickelten Datenstrukturen und Workflows getestet, um sie an die Bedürfnisse von Landschaftsarchitekturbüros und Begrünungsunternehmen anzupassen und zu optimieren. Zusätzlich wurden und werden Schulungen, wie die digiGREEN-Basics-Kurse (2022 & 2024) für Praktiker*innen angeboten, um die digitale Kompetenz in der Grünen Branche zu fördern. Zwischen April und Juni 2025 findet ein weiterer Kurs online statt (https://v-gbk.org/digigreen-basic-schulungen-fuer-einsteigerinnen-2025/). Summer- und Winterschools für Studierende und Lehrlinge ergänzen das Schulungsangebot. Dadurch werden nicht nur die heutigen Fachkräfte, sondern auch der Nachwuchs optimal auf die Anforderungen der digitalen Landschaftsarchitektur vorbereitet (https://v-gbk.org/summer-school-2025/).
Zukünftige Anforderungen und Visionen
Die bisherigen Projekte zeigen deutlich, dass BIM eine Schlüsselmethode für die Digitalisierung der Grünen Branche ist. Es gibt jedoch noch Herausforderungen, die angegangen werden müssen – insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeitsbewertung und -berichterstattung. Zukünftig wird die Projektreihe mit dem ebenfalls von der FFG geförderten Projekt Green BIM 3 fortgesetzt. Hier liegt der Fokus auf der praxisorientierten Technologieentwicklung. Neben den Daten aus den Vorgängerprojekten werden dynamische Baummodelle, die eine zeitliche Entwicklung darstellen können, sowie die Sammlung und Bereitstellung von Kennwerten rund um die Ökosystemdienstleistungen von Pflanzen vorangetrieben. Der Wissenstransfer wird durch Dialogforen, Schulungen und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Zudem bleibt die Vernetzung in der Grünen Branche zentral, um die Digitalisierung voranzutreiben und die Nachhaltigkeit im Bausektor zu optimieren. Der Verein zur Förderung der Grünen Baukultur engagiert sich hier stark, um die Ergebnisse der Green BIM Projekte – auch europaweit – weiter zu verbreiten und in der Praxis zu verankern. Neben Publikationen, Netzwerktreffen, Vereinsstammtischen und Konferenzbeiträgen werden in einem Erasmus+ Projekt internationale Kooperationen mit Finnland und Deutschland ausgebaut und vertieft. Bildungsangebote und Austausch sind dabei entscheidend, um gemeinsame Standards zu etablieren. Insgesamt tragen Forschung, Vernetzung und Kooperation dazu bei, die digitale Transformation der Grünen Branche zu beschleunigen und innovative Lösungen zur Klimaanpassung zu entwickeln. Die Grüne Branche steht damit an der Schwelle zu einem neuen digitalen Zeitalter.
Abb. 2 Green BIM Summer School Juli 2024 – Reininghausgründe Graz. Photo: Hans Hafellner, TU Graz
Projektpartner Green BIM 2
Das Projektteam Green BIM 2 (FFG Projektnummer: FO999901791) besteht aus folgenden Organisationen und Personen:
Projektkoordination:
Büro für nachhaltige Kompetenz B-NK GmbH
Projektpartner:
- AEE INTEC
- buildingSMART Österreich
- Dipl.-Ing. Ralf Dopheide e.U.
- FCP Fritsch, Chiari & Partner, Ziviltechniker GmbH
- grünplan gmbh
- Henning Larsen Architects
- Kräftner Landschaftsarchitektur
- Neuland Garten & Landschaftsbau GmbH
- Rajek Barosch
- Technische Universität Graz, Institut für Bauphysik, Gebäudetechnik und Hochbau
- Topio e.U.
- Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau
- Verein zur Förderung der Grünen Baukultur
Förderhinweis
„Technologien und Innovationen für die Klimaneutrale Stadt 2022“ ist ein Forschungs- und Technologieprogramm des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. Es wird im Auftrag des BMK von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft gemeinsam mit der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft mbH und der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) abgewickelt.

Kommentar
"Die Klimaerwärmung ist bereits Realität. Das häufigere und intensivere Auftreten von Hitzewellen und Starkregenereignissen hat unmittelbare Auswirkungen auf die Umwelt (Landwirtschaft, Energieproduktion, Tier- und Pflanzenwelt) und die Gesundheit der Menschen. In Anpassung an die Klimaveränderungen ist der Umgang mit Stadt- und Gebäudeoberflächen neu zu überdenken, indem Versiegelungen größtmöglich vermieden und Bauwerksbegrünungen forciert werden. Neben der Sicherung von Frei- und Grünräumen spielen der Erhalt und das Anpflanzen klimafitter Bäume eine bedeutende Rolle zur Verbesserung des Mikroklimas. Nicht zuletzt erfüllen Retentionsflächen durch Speichern und verzögertes Ableiten von Wasser wertvolle Funktionen im Klimaschutz."
Weitere Informationen
Verein zur Förderung der Grünen Baukultur
Autor:innen
Dipl.-Ing.in Dr.in Bente Knoll ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung der Grünen Baukultur und Geschäftsführerin im Büro für nachhaltige Kompetenz B-NK GmbH. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Fridtjof Diekmann BSc. ist studentischer Mitarbeiter beim Verein zur Förderung der Grünen Baukultur. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
