nt 01 | 2025 Leben im Klimawandel
Die Rolle von Mikroklimaanalysen bei Neugestaltungen des öffentlichen Raumes
Martin Jury, Oliver Konrad, Immanuel Karner für die AG KIS
Das Klimainformationssystem (KIS) der Stadt Graz
Der fortschreitende Klimawandel erfordert sowohl weltweit als auch lokal ein rasches Gegensteuern und die Umsetzung wirksamer Maßnahmen auf allen Ebenen. Städte und Ballungsräume sind wärmer als umgebende ländliche Gebiete. Dieser städtische Wärmeinseleffekt ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen, insbesondere aber auf die geringere Vegetation sowie die Bebauung und die wärmeabsorbierenden Eigenschaften von Beton und anderen städtischen Baumaterialien. Nicht zuletzt deshalb sind besonders in Städten die Folgen des Klimawandels spürbar: Höhere Temperaturen, zunehmende Hitzewellen und intensivere Regenfälle stellen städtische Räume vor große Herausforderungen.
Mit der Gründung des Klimainformationssystems (KIS¹, kis.graz.at) hat die Stadt Graz eine Plattform geschaffen, um diesen Herausforderungen effektiv zu begegnen. Klimarelevante Daten für die Stadt und den steirischen Zentralraum werden systematisch gesammelt, analysiert, bereitgestellt und laufend aktualisiert. Somit steht den Fachabteilungen der Stadt Graz und des Landes Steiermark ein effektives Werkzeug zur Verfügung, faktenbasiert planen und entscheiden zu können. Zudem können die Bewohner*innen auf viele Erkenntnisse und Daten zugreifen, was eine breite Bewusstseinsbildung und ein Auseinandersetzen mit der lokalen Klimasituation und -veränderungen ermöglicht. Das interdisziplinäre Team des KIS besteht unter anderem aus Expert*innen der Bereiche Klimatologie, Raumplanung, Fernerkundung, Siedlungswasserwirtschaft und Umwelt, wobei der thematische sowie der räumliche Fokus Schritt für Schritt ausgeweitet werden. Somit liefert das KIS elementare, dynamische, strategisch unverzichtbare und hochaufgelöste Grundlagen und Erkenntnisse für klimarelevante Entscheidungen und Weichenstellungen und ermöglicht damit eine nachhaltige Stadtplanung.
Unter anderem ermöglichen Wärmeinselanalysen² aus dem KIS, vorherrschende klimatische Bedingungen im Zuge von Neugestaltungen des öffentlichen Raumes zu berücksichtigen. Wie im Fall der Neugestaltung des Grazer Tummelplatzes, wo die gewonnen Erkenntnisse bereits in den planerischen Vorgaben Eingang fanden.
Die thermische Analyse des Grazer Tummelplatzes
Im Vorfeld der Ausschreibung zur Neugestaltung des Grazer Tummelplatzes, inklusive Bischofplatz und Teilen der Bürgergasse, wurde im Rahmen des KIS eine thermische Analyse durchgeführt. Hierfür wurde von AEE INTEC, vertreten durch Daniel Rüdisser und Tobias Weiß, der Istzustand des thermischen Komforts mittels der Smart-City-Sensing Methode erhoben und analysiert.³ Die Analyse identifizierte kritische Hotspots in drei Zonen, deren Überwärmung vor allem durch Sonneneinstrahlung sowie Rückstrahlungen des Bodens und der Fassaden verursacht wird. Direktes Sonnenlicht und hohe Albedo-Effekte führten in diesen Bereichen zu empfundenen Temperaturen (UTCI) von über 30°C, und damit deutlich über der maximal gemessenen Lufttemperatur von 24 °C zum Zeitpunkt der Erhebung. Diese Ergebnisse flossen anschließend in die Ausschreibung zur Neugestaltung des Tummelplatzes ein.
Die geplante Neugestaltung des Grazer Tummelplatzes
Neben den vielfältigen Anforderungen an die diverse Nutzung des zentralen Platzes war ein Schwerpunkt der Ausschreibung die Berücksichtigung der Klimaresilienz in Einklang mit gestalterischen, ästhetischen und funktionalen Aspekten. Als Zielsetzung wurde die Verbesserung der Klimaresilienz und der thermischen Behaglichkeit hinsichtlich der unterschiedlichen Ansprüche des öffentlichen Raums genannt. Zusätzlich gab es eine Reihe von Empfehlungen, wie den Einsatz von Großbäumen und den Erhalt des Altbaumbestands, die Optimierung der Schattenwirkung durch Vegetation, die Verwendung heller Materialien, um die thermische Belastung zu reduzieren, sowie die Schaffung von "Coolspots" mit hoher Aufenthaltsqualität. Ebenso umfassten die Empfehlungen Maßnahmen zur Entsiegelung von Flächen und die Regenwasserspeicherung für die Bewässerung.
An dem EU-weit ausgeschriebenen anonymen Wettbewerb zur Neugestaltung bewarben sich insgesamt 19 Planungs- und Architekturbüros. Der Siegerentwurf setzt die Zielsetzungen der Ausschreibung, insbesondere im Hinblick auf Ergebnisse der thermischen Analyse durch zahlreiche Vorhaben auf innovative Weise um: Zusätzliche großkronige Bäume bieten nicht nur Schatten, sondern tragen auch durch Verdunstung zur Kühlung des Platzes bei. Die Bepflanzung erfolgt auf mehreren Ebenen, von Stauden über Gehölze bis hin zu Bäumen, und sorgt so für eine vielfältige Vegetation, die das Mikroklima positiv beeinflusst. Der Bestand von derzeit 8 Bäumen, wird um zusätzliche 7 großkronige, 11 mittelgroße und 15 kleinere Bäume, gepflanzt nach dem Schwammstadtprinzip, erweitert. Die Pflasterung des Platzes mit großflächigen Natursteinplatten aus hellem heimischem Granit verhindern eine übermäßige Erwärmung im Sommer. Im Belag eingegliederte Rinnen nehmen Oberflächenwässer auf und leiten diese in den Schwammstadtaufbau. Eine kaskadenförmige Umsetzung des Stockholmsystems soll selbst bei möglichen Starkregenereignissen eine Überlastung des Kanalsystems verhindern. Die Integration von Wasserspielen und Trinkwasserbrunnen ergänzt das Konzept und bietet weitere Kühlmöglichkeiten. Trotz der zahlreichen Maßnahmen ist der Tummelplatz als flexibler barrierefreier Stadtplatz konzipiert, der sowohl als Marktplatz als auch als Treffpunkt dient und auch notwendige Verkehrswege vorsieht.
Gegenwärtig findet sich die Neugestaltung des Grazer Tummelplatzes in der Ausführungsplanung, der Umbau soll 2026 starten und ungefähr ein Jahr dauern.
Kommentar
„Unsere Städte spielen bei der Anpassung an den Klimawandel eine große Rolle. Viele Städte haben bereits Maßnahmen gesetzt, tauschen Best-Practice-Beispiele aus und sind sich ihrer Verantwortung selbstverständlich bewusst. Zu nennen sind Beispiele wie die Initiative der Wiener Wäldchen, die Analyse von Frischluftschneisen in Linz, die Wiederaufforstung des Bürgerwaldes in Frohnleiten oder die Entsiegelung des Tummelplatzes in Graz. Klar ist, dass Städte und Gemeinden ausreichend finanzielle Mittel brauchen, um diese Projekte für eine gesunde Umwelt zu stemmen.“
Thomas Weninger, Generalsekretär des Österreichischen Städtebundes. Foto: Städtebund/Wache
Literatur
¹ KIS (2024a): Klimainformationssystem, Stadtvermessungsamt, Stadt Graz http://kis.graz.at/
² KIS (2024b) Wärmeinselanalysen, Klimainformationssystem, Stadtvermessungsamt, Stadt Graz, https://geodaten.graz.at/portal/apps/experiencebuilder/experience/?draft=true&id=59f2927dc3134c03af2a09d9c25aa19a&page=W%C3%A4rmeinselanalysen
³ Rüdisser, D., Weiss, T., & Unger, L. (2021). Spatially Resolved Analysis of Urban Thermal Environments Based on a Three-Dimensional Sampling Algorithm and UAV-Based Radiometric Measurements. Sensors, 21(14), 4847. https://doi.org/10.3390/s21144847

Autor:innen
Mag. Dr. Martin Jury, MA, KIS Koordinator, Geodaten Kund*innenservice und Photogrammetrie, Stadtvermessungsamt, Stadt Graz. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Mag. Oliver Konrad, Referat Stadtentwicklung und Flächenwidmung, Stadtplanungsamt, Stadt Graz. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Immanuel Karner, MSc., Leiter Geodaten Kund*innenservice und Photogrammetrie, Stadtvermessungsamt, Stadt Graz. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
